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Beale Street Blues, oder: Weniger ist nicht immer mehr: Rezension

Beale Street Blues Beitragsbild

Anzeige (Rezensionsexemplar)

Die 19-jährige Tish Rivers erwartet ein Kind vom 22-jährigen Fonny Hunt. Alles könnte so schön sein, wäre da nicht das rassistische Justizsystem, das der Liebe der beiden einen Strich durch die Rechnung macht: Fonny wird unschuldig ins Gefängnis gesperrt, für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Nun liegt es an Tish dafür zu sorgen, dass Fonny frei kommt – kein leichtes Unterfangen …

In Memphis, Tennessee gibt es eine Straße die da heißt Beale Street. Dort, so sagt man, ward der Blues geboren. Die Beale Street wurde 1916 zum Namensgeber eines Songs: „Beale Street Blues“ von W.C. Handy. Besagtes Lied inspirierte James Baldwin wiederum zum Titel seines fünften Romans, If Beale Street Could Talk. Der dtv Verlag hat die deutsche Übersetzung direkt nach dem Musikstück von Handy benannt. Ich persönlich kann mit If Beale Street Could Talk mehr anfangen: Es klingt viel bildhafter (tolle Formulierung 😀 ), regt zum Nachdenken und Philosophieren an. Letzten Endes soll der Buchtitel dem Leser wohl mehr als Metapher dienen. Findet selbst heraus, warum! 😉

Troubled about my soul

Kennt Ihr das, wenn man ein Buch lesen möchte und mit einer ganz bestimmten Erwartungshaltung an die Sache rangeht? So erging es mir bei Beale Street Blues. Bevor ich Beale Street Blues las, schmökerte ich einen Roman namens In guten wie in schlechten Tagen, der thematisch in die gleiche Richtung geht. Ich dachte: Ließ zuerst Tayari Jones. James Baldwin wird dich sicher so aus den Socken hauen, dass du In guten wie in schlechten Tagen niemals neutral wirst lesen können. Well … Leider ist es am Ende genau andersherum gewesen.

Beale Street Blues ist in zwei Teile gegliedert: „Troubled about my soul“ heißt der erste, und er erstreckt sich über 95% des Buches. Der allwissende Erzähler berichtet aus der Sicht von Clementine „Tish“ Rivers, wie sie den Alltag mit einem Partner hinter Gittern übersteht – und zudem ein Baby auf dem Weg ist. Was Beale Street Blues in meinen Augen genauso hervorhebt wie die unrechtmäßige Inhaftierung eines Schwarzen, ist die Reaktion des Umfeldes von Tish und Fonny auf Tishs ungünstige Schwangerschaft. Das Verhalten von Eltern, Schwiegereltern, Geschwistern und der Schwägerschaft könnte unterschiedlicher und dadurch explosiver nicht sein.

Beim Lesen habe ich vollkommen außer Acht gelassen, wie alt Beale Street Blues schon ist. Im Sommer feiert der Roman seinen 45. Geburtstag! Gut, die deutsche Übersetzung erschien erst 2018, sodass jeglicher Versuch zu verdeutlichen, dass man dem Werk sein sprachliches und inhaltliches Alter nicht anmerkt, am Ende nicht zwingend zielführend ist. Das könnte bei der deutschsprachigen Ausgabe durchaus auch daran liegen, dass sie erst vor gut einem Jahr übersetzt wurde. Nichtsdestotrotz greift James Baldwin bislang leider zeitlose Themen der Black Community auf, die 2019 noch so relevant sind, wie sie es 1974 waren.

Zion

Der zweite Teil des Romanes, „Zion“, erzählt auf wenigen Seiten von Fonnys Leben im Gefängnis. Obwohl Beale Street Blues eine Geschichte über das ungerechte Justizsystem ist, erfährt der Leser zu wenig, wie es Fonny dabei ergeht. Auf die Vielschichtigkeit seiner zweifelsohne vorhandenen Emotionen wird meiner Meinung nach zu wenig beachtet, vor allem vom Autor selbst.

Beale Street Blues wird nichtlinear erzählt. Der Großteil spielt in der Gegenwart, Tishs Gegenwart, während es einzelne Rückblenden gibt, die sich der aufkeimenden Liebe von Tish und Fonny zuwenden. Hierin liegt das Herz der Geschichte. Ein Herz, das James Baldwin zu wenig für sich nutzt.

In meine Wertung nicht mit einbezogen habe ich übrigens das Nachwort von Daniel Schreiber, welches das Buch ab Seite 211 ausfüllt. Wenn ich ehrlich bin, fällt es mir schwer, eine normale Rezension zu Beale Street Blues zu schreiben, weil das Buch so viel mehr ist. Es ist ersichtlich, dass James Baldwin ein begnadeter Schriftsteller war. In diesem Buch steckt so viel Interpretationswürdiges; dem könnte ich in einer Rezension niemals gerecht werden. Beale Street Blues ist kein üblicher Roman – und vielleicht hat genau das am Ende dafür gesorgt, dass mich die Geschichte leider nicht so mitnehmen konnte, wie das vergleichsweise Tayari Jones‘ In guten wie in schlechten Tagen geschafft hat.

Fazit

Beale Street Blues ist ein Roman, der mehr verspricht, als er am Ende halten kann. Zieht man das Nachwort ab, kommt das Buch alleine auf weniger als 200 Seiten. Raum, um auf Fonny einzugehen und ihm als eigentlich zweiten Protagonisten einen größeren Auftritt zu verschaffen, ist entsprechend vorhanden. Beworben wird eine Geschichte über die Auswirkungen der weißen Justiz. Für mich sind diese Auswirkungen schlicht und ergreifend zu einseitig spürbar. Was ist mit Fonny? Schließlich existiert dieser Roman in erster Linie, weil es das Schicksal nicht gut mit ihm meinte.

Ich möchte Beale Street Blues keinesfalls seine Wichtigkeit absprechen, wegen der ich Euch das Buch auch unbedingt ans Herz legen möchte. Möglicherweise hatte ich einfach eine andere Vorstellung von dem, was mich erwarten würde. Nun freue ich mich auf die Verfilmung. Ich kann’s kaum erwarten zu sehen, wie die Adaption aussieht.

3.25 / 5 Sternen (abgerundet auf 3 Sterne)

P.S.: In meinem Lesemonat Februar findet Ihr weitere Buchtipps in Richtung Diversity!

Zur Sache

TitelBeale Street Blues
OT: If Beale Street Could Talk
AutorinJames Baldwin
Ins Deutsche übertragen von: Miriam Mandelkow
Verlagdtv
Erschienen31. Januar 2019
Seiten224
PreisEUR 12,90

*Rezensionsexemplar*





Transparenz

Bei dem Buch handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, zur Verfügung gestellt vom dtv Verlag.
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